Der Star und seine linke Klebe

1. TEIL: "Emma" und seine erste Saison am Wörthersee, sein Umgang mit Kritik und seine "freche" Ansage an Trainer Hohenberger.


Bildschirmfoto 2017-09-11 um 22.00.01.png-SK Austria Klagenfurt

In Kärnten konnte "Emma" viele Treffer für die Austria bejubeln

Austria-Fan Frank Büth schreibt in dieser Woche in zwei Teilen über die legendäre Zeit von Lothar Emmerich bei der Austria Klagenfurt. Teil 1 dreht sich um Emmerichs erste Saison am Wörthersee (1972/73), um seinen Umgang mit dem kritischen Publikum in Klagenfurt und sein "freches" Auftreten gegenüber Legende Freddy Hohenberger.

- von Frank Büth aus Dortmund

Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an den Austria Klagenfurt Fan Günther Rotter, der mir freundlicherweise etliche Zeitungsartikel zur Verfügung gestellt hat, aus denen ich viele Informationen zum Wirken von Lothar Emmerich bei unserer Austria Klagenfurt erhalten habe. Mir als Fan des BVB und der Austria ist es natürlich ein Bedürfnis, einen ausführlichen Artikel über die zwei Jahre zu schreiben, die Lothar Emmerich in Klagenfurt aktiv war. 

Ein Star in der Fußballprovinz

Lothar Emmerich, einer der Legenden des BVB, der Mann mit der gefürchteten linken Klebe hat sich auch bei den Violetten Kultstatus erworben. Der leider 2003 im Alter von nur 61 Jahren zu früh an Lungenkrebs verstorbene Stürmer erzielte in 183 Bundesligaspielen 115 Tore für den BVB. 1963 wurde der gebürtige Dortmunder mit den Borussen Deutscher Meister. Außerdem gewann er 1966 in Glasgow mit dem BVB den Europapokal der Pokalsieger und wurde im gleichen Jahr Vize-Weltmeister. Zwei Mal wurde Emmerich Torschützenkönig der Bundesliga: 1966 erzielte er 31 Tore, 1967 traf er 28 Mal und musste sich den Titel mit dem „Bomber der Nation“ Gerd Müller teilen.

Lothar Emmerich ist auch heute in Dortmund noch allgegenwärtig: Nach Emmerichs Spitznamen „Emma“ wurde das BVB-Maskottchen benannt. In unmittelbarer Nähe des BVB-Trainingsgeländes befindet sich außerdem die Lothar-Emmerich-Straße.   

Im Herbst seiner Karriere, (im Alter von 31 Jahren) wechselte „Emma“ vom belgischen Beerschot in das beschauliche Klagenfurt am Wörthersee. Die Austria hatte damals in Mäzen Adolf Funder (einem Faserplattenproduzenten) einen großzügigen Gönner, der den Landeshauptstädtern die Verpflichtung finanzierte.

Lothar Emmerich zählte zu den Topstars der damaligen Nationalliga. Er entfachte im Süden Österreichs eine bisher nie dagewesene Fußballeuphorie. Zwei Jahre lang spielte „Emma“ für die Violetten, die als Aufsteiger zu den Hinterbänklern der Liga zählten. Vor allem Dank seiner vielen Tore sicherte sich unsere Austria Klagenfurt sowohl in der Saison 1972/73 als auch 1973/74 den Klassenerhalt.

„Emma“ erzielte in der Saison 1972/73 zwanzig Tore (damit gingen fast Zwei Drittel der 32 geschossenen Tore der Klagenfurter auf sein Konto). In der Saison 1973/74 sah es ähnlich aus. 21 der 33 erzielten Treffer gingen auf das Konto der BVB-Legende. Damit belegte er Rang zwei in der Torjägerliste hinter dem späteren „Deutschland-Schreck“ Hans Krankl, dem 36 Tore für Rapid Wien gelangen.

Emma zu Hohenberger: "Dann kann ich ja gleich gehen"

Seine direkte Art und seine professionelle Einstellung kamen auch in der Kärntner Landeshauptstadt gut an: Als der Austria Klagenfurt-Trainer Freddy Hohenberger (eine Austria-Legende als Spieler und Trainer) wegen Regens statt des Trainings eine taktische Besprechung angesetzt hatte, sagte Emmerich: „Da kann ich ja gleich nach Hause gehen“.

Kurt Messner (verstorben am 12.11.2016), ein Jahr lang Emmerichs Mannschaftskollege bei Austria Klagenfurt, sprach in höchsten Tönen über den Torjäger: „Da habe ich zum ersten Mal gesehen, was ein Profi ist“, betonte der spätere Erfolgstrainer, und weiter: „Emmerich hat nur den Erfolg gesucht, ist Vorbild im Training und im Spiel gewesen. Ich habe von ihm viel profitiert.“

Zu Beginn seiner Zeit bei der Austria stand Emma zunächst in der Kritik. „Emmerich schreit zwar sehr viel, dürfte aber kaum eine Verstärkung für die Austria sein“, urteilte damals der sogenannte Experte „Poldl“ Hofmann, der als Spieler Bestandteil des Österreichischen Wunderteams der 30er Jahre war.

„Ich weiß, die Zuschauer in Klagenfurt hatten von mir von Anbeginn erwartet, ich sei so etwas wie ein Torfabrikant. Nun auch ein Gerd Müller würde einige Zeit brauchen um Tore zu schießen, wenn er etwa zu RW Oberhausen käme“ erläuterte Emmerich seine Ladehemmung zu Beginn seines Engagements.

Es dauerte bis zum 5. Spieltag, ehe Emmerich mit der gefürchteten linken Klebe sein erstes Saisontor zum 1:0-Erfolg über Sturm Graz erzielte. „Die Austria speist wieder bei Hof“ titelten die Zeitungen nach dem Sieg.

Auch auswärts traf der Torjäger. Sein Doppelpack (beide Tore mit dem Kopf), sorgte für den 2:0-Sieg in Bregenz.

Der "Goldhammer"

Eine Woche später brachen die heimischen Fans in Begeisterungsstürmen aus. „So einen Treffer haben wir seit 10 Jahren nicht gesehen“, waren die 3000 Zuschauer von Emmerichs Traumtor per Volleyschuss zum 2:1-Heimsieg über Wiener Neustadt fasziniert.

Im folgenden Heimspiel war der Ex-Dortmunder erneut der Liebling der Massen. 5000 Fans bejubelten seinen Dreierpack beim 5:2 über Alpine Donawitz.

„Das habe ich noch nicht erlebt“ war Emmerich nach dem Spiel gegen Donawitz konsterniert. Wie sich Torhüter Popovic beim zweiten Elfer aufgeführt habe, sei ein glatter Hohn gewesen. Alpines- Kapitän Pumm habe ihm vor der Elfer-Exekution zugerufen, er bekäme von ihm die halbe Prämie, wenn er den Strafstoß verschieße.  

Auch in der Rückrunde bombte der Stürmer munter weiter. Ihm gelang das Siegtor mit einem prachtvollen Schuss beim 1:0 über den Linzer ASK. Der „Goldhammer“ schlug zu, lautete die Überschrift in den Zeitungen.

Beim 2:0 über VÖEST Linz war Emmerich ebenfalls erfolgreich. „Der Deutsche Emmerich zeigte sich gestern erstmals als Kapitän, trotz Sonderbewachung in guter Form. Emma war anspielbar, verstand sich von seinem Bewacher gut zu lösen und setzte auch seine Nebenspieler gut ein. Seine Leistung krönte er mit einem prachtvollen Tor“ lobten ihn die Klagenfurter Zeitungen.  

Den nächsten Dreierpack schaffte Emma beim 5:2 über Admira Wacker. Im letzten Heimspiel der Saison war es erneut Emmerich der den Treffer zum 1:1-Endstand gegen Meister Wacker Innsbruck vor 10000 Fans im Wörtherseestadion erzielte.

Dank seiner Treffsicherheit blieb die Austria zuhause ungeschlagen und sicherte sich als Zwölfter der Sechzehnerliga den Klassenerhalt.

Abschlusstabelle 1972/1973

Pl.

Verein

Sp.

S

U

N

Tore

TQ/Diff.

Punkte

1.

SSW Innsbruck

30

18

7

5

57:25

 

43

2.

SK Rapid Wien

30

16

8

6

50:31

 

40

3.

GAK

30

13

10

7

44:26

 

36

4.

FC Admira Wacker

30

14

8

8

37:30

 

36

5.

VÖEST Linz

30

14

7

9

53:32

 

35

6.

Linzer ASK

30

11

12

7

45:35

 

34

7.

SV Austria Salzburg

30

13

6

11

40:37

 

32

8.

Wiener Sport-Club

30

11

9

10

39:40

 

31

9.

Donawitzer SV Alpine

30

10

9

11

36:52

 

29

10.

FK Austria Wien

30

11

5

14

53:43

 

27

11.

First Vienna FC 1894

30

10

7

13

40:50

 

27

12.

Austria Klagenfurt

30

11

4

15

32:47

 

26

13.

SC Eisenstadt

30

10

5

15

37:41

 

25

14.

SK Sturm Graz

30

8

9

13

29:38

 

25

15.

SC Schwarz-Weiß Bregenz

30

9

4

17

36:54

 

22

16.

SV Admira Wiener Neustadt

30

3

6

21

23:70

 

12

 

Es folgt: Teil 2 - die Saison 1973/74